Die KRAFT DER VERBUNDENHEIT

Susanne Latzel: Die Kraft der Verbundenheit


Am 10.10.2015 fand im Bürgerhaus Au bei Freiburg ein Tag der Verbundenheit statt, der den Untertitel trug: "Die Welt, die unser Herz kennt, ist möglich". Mich interessiert besonders die Frage: Kann die Erfahrung der Verbundenheit auch ein Weg sein zur Veränderung der Situation, in der unsere Welt sich insgesamt gerade befindet?
Zu diesem Thema möchte ich mich beziehen auf das Buch von Charles Eisenstein: „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“.
Charles Eisenstein ist ein junger Mathematiker, Wirtschaftstheoretiker und Philosoph. Er spricht mich sehr an, weil er den Mut hat hinzuschauen bis zum Grund. Er bedenkt in seinem Buch zuerst die grundlegenden Fragen des Lebens: Wer bin ich? Warum geschehen Dinge? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist heilig? Woher kommen wir und wohin gehen wir?
Auf diese Fragen gibt er nicht eine Antwort, sondern er zeigt zwei Möglichkeiten - eine alte und eine neue - auf, die abhängig sind von unserer Sozialisation, unseren Erfahrungen, Beziehungen, unserem Glauben.
Er sagt, am Grunde unserer Zivilisation liege eine Geschichte, ein Geflecht aus Narrativen, gemeinsamen Übereinkünften der Gesellschaft, die Antwort geben auf die obigen grundlegenden Fragen.
Charles Eisenstein legt dar, dass die in unserer Zivilisation vorherrschenden Ansichten und Antworten auf die wesentlichen Fragen immer noch gespeist seinen durch die veraltete Wissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. Unsere Orientierung käme aus veralteten wissenschaftliche Ansichten und Glaubenssätzen. Aufgrund dieser sind die „alten“ Antworten auf die wesentlichen Fragen: Wer bin ich?: Ich bin ein unabhängiges Individuum, eine im Fleisch gefangene Seele, abgetrennt von der Welt und anderen Seelen. Warum geschehen Dinge?: Es wirken unpersönliche physikalische Kräfte. Was ist der Sinn des Lebens?: Es gibt keinen, es geht ums Überleben und unser Eigeninteresse. Was ist die Natur des Menschen?: Kontrolle auszuüben; am Grund der Natur liegt das Böse. Was ist heilig?: Heilig ist nicht Teil dieser Welt. Gott schwebt hoch über der Erde. Wer sind wir als Menschheit?: Wir sind der Höhepunkt der Evolution. In unserem mechanistischen Universum haben wir allein Bewusstsein und das Rüstzeug, um die Welt nach unseren Vorstellungen zu formen. Wir wurden Herren und Meister der Natur.

Diese Vorstellungen kommen mir sehr vertraut vor. Bei Diskussionen mit meinem Vater über die Veränderung der Welt zu mehr Liebe stand meist als resignierendes Schlusswort, gegen das ich keine Argumente hatte: wir sind in die Erbsünde geboren, heißt also, im Grunde ist der Mensch böse.
Die Darlegungen von Eisenstein, dass diese alten Vorstellungen von Zweckmäßigkeit, Realismus und Kausalität aus der Physik kommen, also Glaubenssätze und nicht Wahrheit sind, geben mir neue Hoffnung. Der neueste Stand der Physik, der Biologie und der Psychologie widerlegt die alten Vorstellungen und macht einen Paradigmenwechsel.
Auf genetischer Ebene existiert kein atomisiertes, abgetrenntes, sein Eigeninteresse maximierendes Selbst. Das genetische Selbst hat fließende Grenzen und ist in ständigem Austausch mit anderen Organismen. Die Ökologie lehrt, dass sich Arten entwickeln, um auch den Bedürfnissen anderer Arten und dem Ganzen zu dienen.
Das Universum wird als durch und durch intelligent entdeckt.
Auch Katastrophen decken die Wirklichkeit hinter unseren Geschichten auf. In solchen Momenten erwacht die in uns schlafende Menschlichkeit, wenn wir einander zu Hilfe eilen, von Mensch zu Mensch und erfahren, wer wir sind. Das ist der Geburtsvorgang einer neuen Geschichte.
Die neue Geschichte ist die der wechselseitigen Verbundenheit, die Geschichte des Interbeing, das Zeitalter der Wiedervereinigung, die Welt des Geschenks. Sie gibt völlig andere Antworten auf die entscheidenden Lebensfragen: - Mein Sein ist Teil von deinem Sein und jedem aller anderen Lebewesen.
- Was wir anderen antun, tun wir uns selbst an. - Jede und jeder von uns hat der Welt ein einzigartiges und wichtiges Geschenk zu geben. - Der Sinn des Lebens ist es, unsere Geschenke zu machen, unser Potential zu entfalten. - Jede Handlung ist bedeutsam und hat Auswirkungen auf den Kosmos. - Wir sind grundsätzlich ungetrennt voneinander, von allen Wesen und vom Universum. - Wir stellen alle unsere Fähigkeiten dem Wohl und der Entwicklung des Ganzen zur Verfügung. - Sinn, Bewusstsein und Intelligenz sind intrinsische Eigenschaften der Materie und des Universums.
Um nochmal zurückzukommen auf die oben gestellte Frage, warum haben wir es so schwer, den Kontakt zum Selbst zu halten, sind wir als Gesellschaft überwiegend ins Ego gerutscht? Man könnte zusammenfassend sagen: Weil wir in einem Geflecht von nicht hinterfragten Übereinkünften leben, die auf veralteten verinnerlichten Wissenschafterkenntnissen basiert.

Die wichtigere Frage ist aber jetzt: Wie komme ich aus der alten Geschichte, die Charles Eisenstein nach dem Grundgefühl die Geschichte der Separation nennt, in die neue des Interbeing, in der wir uns verbunden fühlen? Dieser Übergang würde ja auch die Heilung bedeuten.
Da uns die Glaubenssätze, Gewohnheiten, die uns in dem Gefühl der Separation halten, meistens unbewusst sind, ist es hilfreich und ich möchte sagen nötig, diese anzuschauen. Erst darauf aufbauend wird plausibel, welche Haltungen uns in die Verbundenheit führen können.
Charles Eisenstein sagt: Die alte Geschichte von der Welt hat uns durch und durch geprägt. Wir werden in ihre Logik hineingeboren, werden kulturell an ihre Weltsicht angepasst und sind von ihren Sitten durchdrungen. Dieser Prozess ist so allgegenwärtig, dass er fast unsichtbar bleibt.
Es ist keine triviale Angelegenheit, die Gewohnheiten des Sehens, Denkens und Tuns zu verändern. Erst einmal müssen sie sichtbar gemacht werden. Auch wenn man eine tranzendente Erfahrung des Einsseins gemacht hat, kann man sie allein meist nicht am Leben halten wegen der alten Gewohnheiten, die tief in uns eingraviert sind.
Diese Gewohnheiten gehören meist zu einer der drei Kategorien: Gewohnheiten der Knappheit, Gewohnheiten des Urteils und Gewohnheiten des Kampfes.
Zur Knappheit: Knappheit ist eines der Merkmale, die das moderne Leben definieren. Auf der ganzen Welt hungert eines von fünf Kindern. Wir führen Kriege um knappe Ressourcen wie Öl. Wir haben aus den Meeren die Fische und aus dem Boden das saubere Wasser geplündert. Weltweit müssen Menschen und Regierungen sparen und mit weniger auskommen, weil das Geld knapp ist. Und die meistverbreitete, lebensverzehrende Form von Knappheit ist die der Zeitknappheit.
Wir nehmen die Knappheit als gegeben hin. Uns ist nicht bewusst, dass ein Großteil der Knappheit künstlich ist: Bis zu 50% der Nahrungsmittelproduktion in der entwickelten Welt werden verschwendet. Beim Geld ist es noch offensichtlicher. Es fehlt nicht etwas Reales, sondern Geld, das wir in unbegrenzten Mengen produzieren können. Und trotzdem erschaffen wir es auf eine Weise, die es inhärent knapp macht. Und auch mit 78 Mill. Dollar kann jemand noch das Gefühl von Knappheit haben.
Im Glauben der Separation stimmt: „Mehr für Dich ist weniger für mich.“ In Kulturen des Schenkens gilt stattdessen: „Mehr für Dich ist auch mehr für mich.“
Was wirklich knapp ist, aber garnicht mehr auffällt, weil so normal, ist die Knappheit an Aufmerksamkeit, an Spiel, an Zuhören, an Dunkelheit, an Stille, an Schönheit. Aus Knappheit, die uns durchdringt, entstehen Gewohnheiten der Knappheit: aus Zeitknappheit entsteht die Gewohnheit der Eile, aus Geldknappheit die der Gier, aus Knappheit an Aufmerksamkeit die Gewohnheit, anzugeben. Aus der Knappheit an sinnvoller Arbeit entsteht die Gewohnheit der Faulheit und aus der Knappheit an bedingungsloser Akzeptanz entsteht die Gewohnheit der Manipulation.


Die gemeinsame Wurzel der Knappheit sagt Eisenstein, sei ein Mangel an Sein, das Gefühl „Ich bin nicht genug“. Entstanden aus dem Abgeschnittensein unseres erweiterten Selbst lässt er uns niemals zur Ruhe kommen und führt zur Gewohnheit, immer etwas zu tun. Das Hier und Jetzt ist nie genug. Mehr noch als die Knappheit von Zeit und Geld ist es dieses existenzielle Unbehagen, das den Willen zu konsumieren und zu kontrollieren antreibt.
Wir tun aus Gewohnheit, aus dem Getriebensein.
Gewohnheiten des Urteils: Die Selbstverurteilung, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, die Selbstkritik ist eine der häufigsten Gewohnheiten der Separation. Misslicherweise ist es unmöglich, wertend gegen sich selbst zu sein, ohne auch andere zu bewerten. Auf den Punkt gebracht glauben wir: „Befände ich mich in der Gesamtheit deiner Umstände, würde ich mich trotzdem anders verhalten als Du.“ Wenn ich mal bewusst darauf achte, merke ich, wie oft ich das denke und mich damit über den anderen stelle und die Verführung ist da, ihm zu sagen, wie er es anders machen soll.
Eine ganze Menge experimenteller Beweise zeigen, dass diese Behauptung falsch ist. Wir würden uns tatsächlich genauso verhalten wie er. Wir denken, wir handeln aus freiem Willen, dabei sind wir weitgehendst durch die Situation und die Beziehungen bestimmt.
Dieser Punkt hat mich auch sehr betroffen gemacht, weil ich gemerkt habe, dass dieser Glaube zutiefst in mir verwurzelt ist. Wir leben in der Wertungsmentalität. Und wenn jemand etwas schlechtes tut, ist er ein schlechter Mensch. Müssten wir nicht die Augen weiter öffnen, um zu sehen, wie die Geschichte, die uns umgibt, das Böse hervorbringt?
Gewohnheiten des Kampfes: Vorab drei Zitate: Nietsche: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zuseh`n, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“ Die Aktivistin Marie Goodwin sagt: „Das Lösungskonzept, das Böse mit den Wurzeln auszureissen, würde die Beseitigung aller Weltprobleme, die doch so unlösbar erscheinen, zu einer lösbaren Aufgabe in unserem gegenwärtigen Weltbild machen. Deshalb verteidigen wir sie um jeden Preis.“
Daodejing: „Es gibt kein größeres Unglück als seinen Feind zu unterschätzen. Seinen Feind zu unterschätzen bedeutet, ihn für böse zu halten. So zerstörst du deine Schätze und wirst selbst ein Feind.“ Ich finde es ganz spannend, dass Charles Eisenstein so tief in die Frage nach der Entstehung des Bösen einsteigt und sie eingehend von verschiedenen Seiten beleuchtet.
Es scheint wie die tiefste Wurzel zum Gefühl der Separation zu sein. Einen Punkt möchte ich herausheben, der mir zentral erscheint. Er sagt: Jeder kennt die Gefühle von Hilflosigkeit, Frustration, Angst vor einem übelwollendem Anderen, vor dem Bösen. Einige glauben an Verschwörungstheorien.

Was passiert: Wir halten diese Gefühle für Realität und projizieren unsere Erfahrung auf die Wirklichkeit und sehen dann alles auf Basis dieser Projektion und geben ihr weitere Substanz, indem wir innerhalb ihrer Logik handeln. So ist das Böse ist nicht nur eine Antwort auf die empfundene Separation, es ist auch ihr Produkt.
Wie begegnen wir diesem unerbittlichen, übelwollendem Bösen? Mit Gewalt. Der Kampf dagegen führt zu noch mehr Bösem. Müssen wir für immer gegen das Abbild unserer eigenen Wahnvorstellung kämpfen? Vielleicht ist das wahr: „Das größte Werkzeug des Bösen ist die Idee, es gäbe so etwas wie das Böse?“
Wäre es möglich, dass das Böse in der Geschichte der Separation existiert, nicht aber in der Geschichte des Interbeing? Indem wir zwischen Geschichten wechseln, können wir so zwischen Realitäten wechseln? Eins ist nicht zu übersehen: Die Zerstörung des Planeten und der Menschen ist nicht zum Stillstand gekommen, ja sie hat sich nicht einmal verlangsamt. Welche Strategien wir auch angewendet haben, sie waren wirkungslos. Es gibt so viele Kämpfe, Kreuzzüge, Kampagnen, den Feind mit Gewalt zu besiegen. Dieselbe Strategie des Kampfes haben wir auch gegen uns selbst anwandt. So kommt es, dass die innere Verwüstung der westlichen Psyche sich genau mit der äußeren Verwüstung deckt, die sie auf dem Planeten angerichtet hat.


Nach dieser punktuellen Betrachtung einiger Gewohnheiten der Separation, der Knappheit, des Urteils und des Kampfes bis hin zu den tiefsten Wurzeln, sind wir am Punkt angelangt, zu betrachten, was uns in die Verbundenheit führt.
Zur Einleitung diese Teiles ein Zitat von Arundhati Roy: „Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist schon im Entstehen. An einem ruhigen Tag kann ich sie atmen hören.“ Es gibt sie schon, die anderen Möglichkeiten, die Permakultur, den Naturschutz, erneuerbare Energien, einfaches Leben, Fahrräder, Zero-Waste-Produktion... ganze Bücher berichten schon von diesen oft im verborgenen entstehenden Initiativen und Forschungen.
Von der alten Geschichte werden sie oft bekämpft, oft ignoriert, manchmal aufgekauft und in eine Schublade gelegt, durch Gesetze gebremst... Wie können diese Hoffnung stiftenden Ideen sich ausbreiten und allen dienen?
Die 68er Generation hat es mit Kampf versucht, die Aktionisten heute prangern die Missstände an und sind meist ebenfalls in der Haltung des Kampfes gegen die Missstände. Wie schon der vielzitierte Einstein sagt: Wir können ein Problem nicht auf der Ebene des Problems lösen, die Lösung kann nur aus einer anderen höheren Sichtweise kommen.
So können wir die Probleme der Separation nicht mit den Gewohnheiten der Separation, z.B. dem Kampf dagegen lösen. Was aus der Haltung der Separation kommt, kann nur wieder in die Separation führen. Lösungen, Heilung können nur aus einer anderen Haltung kommen.

Bevor wir in die neuen Haltungen hineinfinden haben wir nach Charles Eisenstein den Übergang bewusst zu durchgehen. Er sagt: Der Übergang von der alten zur neuen Geschichte geht durch einen leeren Raum, ein Nichts, eine schwangere Leere, aus der alles Seiende entsteht. Äußerlich kann sich das für uns wie ein Scheitern anfühlen, ein Feststecken, doch dabei kehren wir zum Wesentlichen zurück. Was wir zurückgewinnen, ist die Fähigkeit, aus dem Wesentlichen heraus zu handeln aus Freiheit statt aus Gewohnheit.
Unsere Zivilisation versucht verzweifelt, diesen Punktdes Scheiterns, des Aufhörens, des Innehaltens, der Besinnung herauszuzögern. An einem Punkt werden wir einfach aufhören müssen. Einfach aufhören, ohne eine Idee, was zu tun. Wir haben uns in einer höllischen Landschaft verloren mit einer Karte, die uns im Kreis führt ohne einen Ausweg. Um zu entkommen werden wir die Karte wegwerfen und uns umsehen müssen.
Dann kommen wir in den Raum des Innehaltens, des Nicht-Tun. Nicht tun - Wu Wei: kein Plan, nicht erzwingen, ohne reflexives Tun. Das Taodejing beschreibt, was dann passiert:
„Alle Dinge kehren an ihre Wurzel zurück.

An der Wurzel angekommen, ist Stille.

In der Stille kehrt der wahre Sinn zurück.

Das ist, was echt ist.
Das Echte zu kennen, stiftet Klarheit.

Das Echte nicht zu kennen und töricht zu handeln, bringt Unheil.

Aus dem Wissen um das Echte entsteht freier Raum,

aus dem freien Raum entsteht Unbefangenheit,

aus der Unbefangenheit entsteht Souveränität,

aus der Souveränität entsteht, was natürlich ist.

Was natürlich entsteht, ist das Tao.

Aus dem Tao kommt, was dauerhaft ist und über sich selbst hinaus Bestand hat.“


Nicht tun macht Angst. Die meisten von uns sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der wir von Kindesbeinen an trainiert wurden, die Dinge zu tun, die wir nicht tun wollten und Dinge zu unterlassen, die wir tun wollten. Charles Eisenstein sagt weiter etwas, was mir ganz wesentlich und beachteswert erscheint:
Du musst nichts tun - warum? Nicht, weil nichts getan werden muss. Du musst nichts tun, weil du etwas tun wirst. Der unbezwingbare Drang, auf eine grössere und weisere Art zu handeln, als du überhaupt für möglich hältst, wurde schon in Gang gesetzt. Vertraue darauf, dass Du wissen wirst, was zu tun ist und wann es zu tun ist. Da der Wunsch zu geben, eine ursprüngliche Ausdrucksform unserer Lebenskraft ist, bringen Handlungen, die aus dem Geist des Schenkens kommen, ein Gefühl mit sich, ganz und gar am Leben, lebendig zu sein. Das ist das Gefühl, nach dem es Ausschau zu halten gilt.
Am Grunde unseres Wesens liegt nicht das Böse, sondern der Wunsch, zu schenken, zu teilen, der sich offenbaren kann, wenn der Raum dafür da ist.

In dem Raum zwischen den Geschichten, im Innehalten können wir auch entdecken, dass wir oft gar nicht wollen, was wir zu wollen glaubten. Wir schauen nach innen und fragen, was will ich wirklich? Was macht, dass ich mich lebendig fühle? Wir können so auch unsere unerfüllten Bedürfnisse entdecken, die oft unsichtbar sind.
In der modernen Gesellschaft bleibt eine Vielzahl grundlegender Bedürfnisse chronisch unerfüllt: Das Bedürfnis, seine Begabung zum Ausdruck zu bringen, sinnvolle Arbeit zu tun, zu lieben und geliebt zu werden, gesehen und gehört zu werden und andere zu sehen und zu hören, das Bedürfnis nach Verbindung mit der Natur, zu spielen, zu entdecken und Abenteuer zu erleben. Das Bedürfnis nach emotionaler Intimität, das Bedürfnis, einer Sache zu dienen, die größer ist als man selbst, das Bedürfnis, manchmal einfach nichts zu tun und einfach nur zu sein.
Ein unerfülltes Bedürfnis tut weh, ein Bedürfnis zu erfüllen, fühlt sich gut an.
Nicht tun und Fühlen, das Fühlen des Schmerzes in Achtsamkeit gehören eng zusammen. Der Schmerz bleibt oft verborgen. Ein Weg für die persönliche Transformation ist es, dem Schmerz volle Aufmerksamkeit zu schenken. Der Schmerz ist ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Wir können einem Symptom bis zur Ursache folgen. Nach einer Völlerei, einer Sauferei, dem Frönen eines jeden Lasters frage dich selbst aufrichtig: Wie fühle ich mich jetzt? Die Macht der Aufmerksamkeit integriert die ganze Erfahrung. Sie ist viel größer als die Macht der Selbstbeherrschung.
Dasselbe können wir auch mit dem Hass und der Geschichte vom Bösen machen. Wir können entdecken, dass sich darunter die Wunde und der Schmerz der Separation verbirgt. Sie kann nur heilen, wenn wir den Schmerz in seiner ganzen Tiefe fühlen können. Die Aufmerksamkeit hat von sich aus eine Heilkraft, die alle Abhilfen, die man sonst vielleicht vornimmt, übertrifft. Und wichtig finde ich, dass er aus der Achtsamkeit keine neue Methode macht. Er sagt: Sieh die Achtsamkeit auch als Geschenk und wertschätze sie als solche. Nimm dieses Geschenk ganz an und gib dich ihr hin. Auch das Erzählen der Wahrheit über die Geschehen auf der Erde hat die Kraft, den Verlauf der Ereignisse zu verändern.
Oben haben wir über die Gewohnheiten der Separation gesprochen: Wie können diese verwandelt werden? - Statt weiter in den Gewohnheiten der Knappheit zu bleiben, können wir Wohlstand neu definieren als die Leichtigkeit und die Freiheit, großzügig sein zu können. Das Leben in Gemeinschaft, in Verbindung mit dem Land und das Gefühl der Zugehörigkeit führen in diese Freiheit.
- Statt zu denken, befände ich mich in der Gesamtheit deiner Umstände, würde ich mich trotzdem anders verhalten als du, kann ich mich auf die bewiesene Wahrheit ausrichten, ich würde mich tatsächlich genauso verhalten wie er. Das führt mich zur Ausrichtung auf das Mitgefühl. Es ist die Essenz des Mitgefühls, sich selbst an
jemand anderes Stelle zu versetzen. Es sagt: Du und ich, wir sind eins, wir sind dasselbe Wesen, schauen auf die Welt durch verschiedene Augen. Wir sind nicht besser als Menschen, die foltern. Es besteht kein fundamentaler Unterschied in unserem Wesenskern.

- Statt das Böse zu bekämpfen, können unsere friedvollen Herzen die Situation ändern, indem sie die Geschichte unterbrechen, in der Hass von selbst entsteht. und indem sie eine Erfahrung bieten, die auf eine neue Geschichte hinweist.


Einen Punkt möchte ich noch ansprechen, der mich sehr berührt hat in der Situation des Übergangs und sehr unseren Focus betrefft: Wir betreten unbekanntes Terrain. Dass dort ein schönes Ziel liegt, ahnen wir, aber wir wissen nicht, wie wir dorthin gelangen. Es müssen Dinge geschehen, von denen wir nicht wissen, wie man sie bewirkt. Wenn man etwas nicht bewirken kann und es trotzdem geschieht, wie geschieht es dann? Offensichtlich geschieht es als ein Geschenk. Du hast vielleicht festgestellt, dass sehr großzügige Menschen wie von selbst noch mehr Geschenke anziehen. Wenn wir also unser Leben der Hingabe widmen, werden wir vielleicht mehr solche glückliche Zufälle erleben. Sie sind ein Schlüssel zu einer kreativen Kraft, die über die alte Vorstellung von Kausalität hinausgeht. Alles, was es heute wert ist, zur Lebensaufgabe zu werden, verlangt solche Wunder, solche Dinge, die wir nicht bewirken können, die als Geschenk kommen. Wenn Du also Deinem Herzen in Richtung eines dieser erstrebenswerten Ziele folgst, wird Deine Entscheidung für viele und auch für Dich selbst ein wenig verrückt wirken. Ich rufe zu Naivität auf. Naiv sein heißt, auf die Güte anderer zu vertrauen, dass etwas geschieht.
Warst Du jemals Teil von so etwas, wo alles im Fluss zu sein scheint, wo Du Dich immer wieder genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit befindest, um genau den richtigen Menschen zu treffen? Wo alles sich einfindet, was gebraucht wird, manchmal in letzter Minute auf vollkommen unerwarteten Wegen? Wo eine unsichtbare äußere Macht alles und jeden zu koordinieren scheint?
Warum und wie geschieht das? Diese Wunderwelt voller Dinge, die wir nicht geschehen machen können, ist eine Welt der Geschenke. Um in ihr leben zu können, müssen wir die alten Mechanismen der Kontrolle, des Festhaltens und Zurückhaltens aufgeben. Wir müssen lernen, die Welt mit den Augen des Geschenks zu sehen. Heute leben die meisten von uns in beiden Welten, der alten und der neuen, daher sind unsere Erfahrungen mit Wundern zufällig. Es wirkt tatsächlich eine Art Magie, wenn ein Mensch einen tiefgreifenden Wandel in seiner Weltsicht durchmacht.


Ich fasse nochmal die Aspekte zusammen, die wesentlich für den Übergang in die neue Welt sind: Das Innehalten, dazu gehört, sich Zeit zu nehmen für Abwarten, Zu-sich-kommen, Atmen, Leere, Beobachtung, Lauschen, Nähren, Reflexion, spielerische Erkundung, Nichtwissen, Reifen.
Dann die Achtsamkeit, die uns die Kraft gibt, zu fühlen und den Schmerzen zu begegnen. Wir haben über die Grosszügigkeit, das Mitgefühl, die Unterbrechung von Geschichten des Hasses durch friedvolle Gesinnung gesprochen und am Schluss über die Haltung, die Welt mit den Augen des Geschenks zu sehen.


Ergänzen möchte ich noch, dass drei Bereiche quasi die Samen für die Wiedervereinigung bewahrt haben.: 1. Die Weisheitstraditionen, 2. heilige Geschichten, Mythen, Märchen und Folklore und 3. die indigenen Stämme, die Menschen, die sich entschlossen, auf die Separation zu verzichten.


Und statt immer zu denken, wir stehen in einer so schwierigen Situation, lädt Charles Eisenstein ein zu sehen:

Wir stehen vor einer wunderbaren Möglichkeit: Wir bieten Menschen nicht eine Welt des Weniger, nicht eine Welt des Opfers, nicht eine Welt, in der sie nur weniger genießen und mehr leiden müssen, nein - wir bieten eine Welt mit mehr Schönheit, mehr Freude, mehr Verbundenheit, mehr Liebe, mehr Erfüllung, mehr Lebendigkeit, mehr Muße, mehr Musik, mehr Tanz und mehr Festen.
Und wir werden zu Geschichtenerzählern einer neuen Welt nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. Jeder Akt der Großzügigkeit ist eine Einladung zur Großzügigkeit. Jeder Akt von Mut eine Einladung zu Mut und jeder Akt der Heilung eine Einladung zur Heilung.
Der direkteste Weg in die Verbundenheit ist, jemandem eine Erfahrung davon zu vermitteln. Eine Geste der Großzügigkeit, Aufmerksamkeit, Wahrheit oder bedingungsloser Akzeptanz widerlegt alte Glaubenssätze wie „jeder ist da draußen allein auf sich gestellt“ und bestätigt das angeborene Bedürfnis, zu geben, zu erschaffen, zu lieben und zu spielen.
Magische Erfahrungen lehren uns: Die Welt funktioniert nicht so, wie wir dachten. Die Wirklichkeit ist größer, als wir für möglich hielten. Ein Wunder ist eine Einladung in eine Wirklichkeit, die größer ist. Und, was ganz wichtig ist: In der Geschichte des Interbeing wissen wir, dass jede Veränderung in uns selbst mit einer Veränderung in anderen Menschen auf der Welt einhergeht, weil unser Bewusstsein nicht von ihnen getrennt ist. Ob wir die Verwandlung schaffen liegt an mir persönlich und an dir und dir und jedem, bis die kritische Masse erreicht ist.

 

Zum Ende seines Buches kommt Charles Eisenstein nochmal zur Ausgangsfrage zurück: Wer bin ich? und antwortet: Du bist alles. Wir sind dasselbe Lebewesen, das durch verschiedene Augen in die Welt schaut. Du bist ein völlig einzigartiges Wesen - genau wie jeder andere! Entscheide Dich, in einer neuen Geschichte zu leben und Du wirst eine sich selbst bestätigende positive Rückkopplungsschleife erleben. Höre auf zu versuchen, ein guter Mensch zu sein. Entscheide Dich stattdessen, der oder die zu sein, die Du bist. Die Frage „Wer bin ich“ ist auch deshalb so wichtig für jeden erfolgreichen Beitrag zu einer schöneren Welt, weil sie eine weitere nach sich zieht: „Wer bist Du?“ Wenn wir andere als Interbeings sehen, deren inniger Wunsch es ist, zu schenken und zu dienen, werden wir dementsprechend mit ihnen umgehen und den Raum offen halten, damit sie sich auch so sehen können.

Ich danke dem Scorpio- Verlag, in dem das Buch "Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich", erschienen ist, für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung des obigen Textes.

(Copyright 2014 by Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, München)

Susanne Latzel