Carcinosin

 

Der Carcinosin - Patient ist eine  Persönlichkeit., die von frühster
Kindheit an unterdrückt wurde. 


Vielleicht wurde er handgreiflich äußerlich unterdrückt und 
tyrannisiert. Aber meist geschah die Unterdrückung  sehr subtil und 
wurde im Namen der  Liebe maskiert.

Oft gab es  in der Familie hohe 
Ideale von Liebe und Gutsein, und die Weise, wie sie dem Kind 
beigebracht wurden, hatten  das Kind völlig  überfordert . So 
entstanden  hohe Ansprüche und Ideen von Perfektionismus und
 Vollkommenheit - und durch diese Ideen wurden im Carcinosin-Patienten 
seine eigenen Bedürfnisse, seine natürliche Entfaltung als Kind  und
 schließlich sein eigenes Leben massiv unterdrückt.


Das Kind lebte wie eine Magd oder wie ein Knecht.
 Vielleicht hatten die Eltern Landwirtschaft, vielleicht hatten sie einen
 Betrieb, vielleicht war ein Elternteil oder gar beide krank,  vielleicht 
hatte die Mutter schwere Depressionen oder Krebs,  vielleicht war der 
Vater Alkoholiker, vielleicht war er auch  evangelischer Pastor - 
jedenfalls wurde das Kind viel zu früh in  Pflicht und Verantwortung 
genommen .

Viel zu früh wurde viel zu viel von dem kleinen Kind
 verlangt.
 Manchmal offensichtlich, manchmal aber ganz unabsichtlich und auf 
verborgene Weise, wurde das Kind mißachtet, versklavt  und mißbraucht.


Der Carcinosin-Patient wird gar nicht über seine Verhältnisse klagen. Die 
Unterdrückung ist  tief internalisiert worden, das heißt , die 
Stiefmutter und die Schwestern mit ihren schikanierenden Ansprüchen 
sind längst im Inneren der Seele des Carcinosin- Patienten 
anzutreffen.


Sie bewirken z. B. , daß er von einer Verpflichtung zur anderen eilt  ,
immer nur geben zu müssen glaubt, nehmen nie gelernt hat  und nie zu
 seinem eigenen Leben kommt. Sie bewirken, daß er nur den Erwartungen
 anderer lebt - und seine Wünsche, seine Bedürfnisse, seine Begabungen,
 sein eigenes Potential nicht wahrnimmt.
 Er wird zum Aschenputtel, das ausschließlich dazu da ist, die Wünsche
 und Ziele anderer zu erfüllen - und das deren Allüren  und deren
 Mißbrauch hilflos ausgeliefert ist.

Obschon er alles tut, um es den 
anderen recht zu machen, hat er doch das Gefühl, nicht genug zu tun.


Er glaubt, daß er sich immer noch mehr zurücknehmen muß. Wenn die 
anderen in der Familie leiden, hält er sich dafür verantwortlich und
 meint, deren Last auf sich nehmen zu müssen. Er glaubt, seine Pflicht 
sei es, dafür zu sorgen,  daß die Wünsche der anderen erfüllt werden, und dabei müsse er alles Eigene aufopfern.
 So kennt er das Eigene nicht. Er weiß nicht um sich selbst und die
 Bedürfnisse seiner Seele.
 Wenn nicht heilende Einflüsse sein Schicksal wenden,wird er  früher
 oder später mit einer schweren Krankheit oder gar einer Krebserkrankung
 enden, denn dieses Leben, das so wenig sein eigenes ist  - wozu soll es
 noch weitergehen?



Das Märchen vom Aschenputtel ist aus homöopathischer Sicht die
 Heilungsgeschichte eines Carcinosin-Patienten.


Der erste Schritt der Heilung  - oder auch die erste homöopathische
 Wirkung des Märchens bei dem Patienten, der es als Heilmittel aufnimmt - 
besteht darin , daß der Patient eigene Wünsche bekommt.


Im Märchen wünscht er sich den Haselstrauch - Symbol der mütterlichen
Liebe. Wie Aschenputtel sich nach der Mutter zurücksehnt, so sehnt 
sich der Carcinosinpatient leidenschaftlich danach, seine engen Grenzen
 verlassen zu können und bedingungslose Liebe zu erfahren. 
Aschenputtel pflanzt nun diesen Haselstrauch auf dem Grab der Mutter,
 und es wächst ein großer Baum daraus - der Baum der Wünsche. 
Die entscheidenden Wende im Leben von Aschenputtel besteht darin, daß es
 wagt, eigene Wünsche zu haben, und daß sie schließlich wagt,  sich die 
Teilnahme am Fest zu wünschen.



Die entscheidende Wende im Leben eines Carcinosin- Patienten  besteht 
ebenfalls darin, daß er wagt  zu glauben, daß das Fest des Lebens auch
 für ihn bestimmt ist. Der Heilungsprozess von Carcinosin-Patienten 
beinhaltet fast immer eine Phase, in der  schöne Kleidung, Reisen  und
 Tanzen eine wesentliche Rolle im Leben zu spielen beginnen. 
Sobald der Wunsch nach diesen Dingen auftaucht, werden die alten
 Ansprüche noch heftiger: Der Patient sieht sich einem Übermaß von
 Pflichten ausgeliefert. Aber dann macht er  auch die Erfahrung, daß 
überreichlich Hilfe kommt, gleichsam wie vom Himmel ( vgl. die Tauben
beim Aschenputtel).


Er, der sich nach dem Fest des Lebens sehnte, wird schließlich 
tatsächlich dorthin getragen und erlebt sich dort nicht nur als
 schüchterne Randfigur, sondern wird sofort zum Zentrum, zum Partner des
 Königsohns.

Die Patientin, die sich ihr Leben lang als Sklave fühlte,
 wird als dem Königsohn ebenbürtig erkannt - sie tritt direkt  und ohne
lange Vorbereitung  ein in die Erfahrung des Freiseins.


Das ist allerdings so erschreckend, daß sie bald die Flucht ergreift und 
sich wieder in ihr altes Aschenputteldasein versteckt.


Allzulang gelingt ihr das aber nicht mehr, denn der Wunsch nach 
Befreiung flammt bald wieder auf und führt  sie bald wieder zum Fest.
 Das Spiel dauert beim Carcinosin- Patienten oder der Carcinosin- Patientin noch einige Zeit, bis 
schließlich  nicht mehr sie nach der Freiheit, sondern die Freiheit nach 
ihr sucht.

Die Freiheit   kommt schließlich unbeirrbar auf sie zu wie 
der Königsohn aufs Aschenputtel.
 Und das Pech auf der Treppe wird zur Ursache, daß der Königsohn
 Aschenputtel wiederfindet.

Das Pech, daß die Carcinosinpatientin im Leben 
bisher hatte, wird nun gerade zur Ursache, daß die Freiheit 
unwiderstehlich bei ihr einbricht:

Die auftretenden Schwierigkeiten 
werden nicht mehr als Bestätigung erlebt, daß man, wie man immer wußte,
 nicht richtig ist - sondern sie werden zu Herausforderungen , in denen
 sich die Freiheit bewährt.

 Und wie die Schwestern mit Hilfe von rabiaten Maßnahmen (Zehe abhauen,
Ferse abhauen) den Königsohn für sich vereinnahmen wollen, so tauchen
 auch beim Carcinosin-Patienten im Findungsprozess der Freiheit zunächst 
die alten Muster der Anpassung noch einmal auf.


Aber die Tauben warnen den König- und quasi  himmlische Kräfte sorgen 
beim Carcinosin-Patienten dafür, daß  die alten Muster entlarvt werden 
und die Freiheit tatsächlich zustande kommt.

Das Märchen endet mit 
herzhafter Aggression - die Tauben picken den Schwestern die Augen aus.
 So führt der Heilungsprozess des Carcinosinpatienten am Ende dazu,
 daß er seine so lange unterdrückten Aggressionen wiederfindet und damit 
energisch jede Form von Vereinnahmung abwehren kann.


Wie Aschenputtel schließlich befreit wird von Stiefmutter und
 Stiefschwestern und selbst Königin ist, so hat im Heilungsprozess des 
Carcinosinpatienten oder der Carcinosinpatientin nach einem längeren Weg schließlich die
 Unterdrückung ein Ende. Er oder sie  erkennen  ihre innere Freiheit  und nehmen  teil
 am Fest des Lebens.




Literatur

 1.
Vgl. Peseschkian, Nossrat: Psychosomatik und positive
 Psychotherapie,Fischer Taschenbuchverlag 1993 und  Peseschkian, Nossrat:
Orientalische Märchen in der Psychotherapie,  Münsterschwarzacher
 Vortragscassetten Nr. 150, Vier - Türme-Verlag Münsterschwarzach.


2. Vgl. Morrison, Roger: Handbuch der homöopathischen Leitsymptome und
 Bestätigungssymptome, Kai Kröger Verlag, 2. überarbeitete Auflage 1997


3.  Vgl. Seideneder, Armin: Mitteldetails des homöopathischen
Arzneimittel, Band 1, Similimum -Verlag für homöopathische Literatur
1997


4.J. C. Cooper, Illustriertes Lexikon der Symbole, drei Lilien Verlag
1996


5.. Vgl. Aschenputtel bei Brüder Grimm: Kinder und Hausmärchen, Parkland 
Verlag Stuttgart, Verlag Neues Leben Berlin 1985

 



Anschrift des Verfassers:  
Dr. med. Johannes Latzel,
Hartkirchweg 69 b,
79111  Freiburg