Scriptum zum Arsen-Vortrag im  Seminarhaus Hollerbühl am 20.5.2011
Johannes Latzel

Ich möchte mit  Ihnen heute gerne  kurz allgemein über  die homöopathische Arznei Arsen  sprechen -  und   dann im zweiten Teil über das Phänomen des inneren Richters , mit dem sich nach meiner Ansicht und  Erfahrung  Arsen - Patienten  intensiv auseinandersetzen müssen.  
Aber nicht nur sie.  Der innere Richter wird in neueren Strömungen  der humanistischen Psychologie als eine Instanz  in jeder menschlichen Seele angesehen, deren Bewusstwerden eine immense innere Arbeit erfordert - die zu tun wiederum eine tief befreiende Wirkung hat.

Wir können dieses Thema heute nur anreißen, es ist ziemlich schwer verdaulich, und Experten sind der Meinung, das ein Menschenleben nicht ausreicht, sich damit genügend auseinanderzusetzen.
Und diese Auseinandersetzung hat es  sich. Wenn sie die Vorlesung heute langweilig finden und einschlafen - vielleicht hat es damit zu tun, dass der innere Richter nicht will, dass wir ihn entdecken. Er versucht mit aller Macht, unbewusst zu bleiben.
Aber  wagen wir  es trotzdem mit dem Thema und beginnen wir mit einem Musikstück über  den schrecklichsten Archetyp des Verurteiltwerdens: das jüngste Gericht:

Vgl. dazu die Musik: Dies Irae 2 bis 1.20
-Tag es Zorns, aus der Messa a Requiem von Giuseppe Verdi.


Wir kommen noch drauf, was das Ganze mit  Arsen zu tun hat.
Aber bleiben wir erst mal bei den Basics von Arsen.

Es gibt unter den Homöopathen die analytische und die synthetische Art, sich mit einer homöopathischen  Arznei zu beschäftigen. Beide sind wichtig und hilfreich.
In der analytischen Art ( Bönninghausen, Boger) trägt man einfach einzelnen  Symptome zusammen, die man finden kann. In der synthetischen ( Herscu, Sankaran) Art versucht man das Ganze als Einheit zu verstehen.

Würdigen wie zunächst mal die analytische Seite der Homöopathie, und fassen die Symptome des
klassischen Arzneimittelbildes von Arsenicum Album zusammen:

A - Angst
R - Ruhelosigkeit
S - Schwäche
E - Eile
N- nächtliche Verschlimmerung


Leitsymtome:
Angst mit Unruhe - die Angst treibt sie andauernd, die Lage zu verändern.
Bewegung lindert aber ihre Angst und ihre sonstigen Beschwerden nicht
* Angst um andere - vor allem Angst um die, von denen er abhängig ist
Sieht auf leidend aus, blaß, fahl, oft blaue Lippen, hippokratisches Gesicht, Augen  sind oft eingesunken, oft Säckchen unter den Augen
Brennende Schmerzen wie von glühenden Kohlen
Durst auf kleine Mengen
Nur spärliche Absonderungen
Verschlimmerung durch Kälte, fröstelig, obwohl das Gesicht heiß ist

Gemüt:

Liebt Regeln, Autorität und Disziplin - liebt Autoritäten, weil sie ihm Sicherheit geben, und gleichzeitig fürchtet er sie, weil sie ihn kritisieren könnten.
Sie sind sehr besitzergreifend, haben mit  der Zeit und viel Fleiß Besitz angehäuft, hängen dann sehr daran und fürchten  ständig, dass ihnen jemand ihren Besitz wieder wegnimmt ( Rubrik Geiz). Sie können Sammelleidenschaften entwickeln und regelrecht habsüchtig sein.
Angst vor Krebs und anderen Krankheiten- brauchen immer wieder die Bestätigung, keinen Krebs zu haben. Im fortgeschrittenen Stadium denkt er ständig an den Tod
Wunsch nach Perfektion, Ordnung, unsinnige Genauigkeit, pedantisch. Im Kleiderschrank ist alles unglaublich akurat. Können schwere Zwangsvorstellungen in bezug auf Schmutz und Bakterien entwickeln.
Kritisch, hohe Ansprüche an sich und andere, verachten Menschen, die ihren Ansprüchen nicht genügen, regelrecht tadelsüchtig
Periodische Beschwerden
Tendenz zur Anorexie nervosa
Tiefsitzende Unsicherheit, Sicherheitsmaßnahmen spielen eine große Rolle
Macht sich abhängig von anderen Menschen, die ihm das Gefühl von Sicherheit zu geben versprechen. Er kann nicht allein sein.
* Angst vor der Vergänglichkeit

Modalitäten:
Schlimmer:
*Empfindlich auf Kälte, auf kalte Speisen und Getränke
*13-14 Uhr und 1-2 Uhr nachts
*verdorbene Nahrung ( Fleisch, Fisch)
*Alleinsein
*Alkohol

Besser:
*Hitze, trotz brennender Schmerzen
*Gesellschaft
*Frische Luft, hat den Impuls zu laufen

Verlangen:
*Olivenöl
*Alkohol

Abneigung
*Obst
*Blähende Speisen
*Süßigkeiten

Bewährte Indikationen
*Akute Gastroenteritis mit Erbrechen.Schon der  Anblick oder Geruch von Essen kann extreme Übelkeit verursachen. Durchfall nach Eis oder kalten Getränken oder Obst
Allergien und besonders Nahrungsallergien ( Milch, Gluten, Kaffee, Tabak)
Juckende, brennende Hautausschläge
Risse in den Fußsohlen
Erkältet sich sehr schnell
* Erschöpfung und Schwäche
* Asthma, besonders bei Kindern ( Thuja)
* Magenschmerzen mit Angst, die im Magen empfunden wird
* Unwillkürlicher Harnabgang, Enuresis
* Arthritische Entzündung der Gelenke mit Schwellungen der Füße
* Krebs
* Arrythmien mit schnellem, schwachen, unregelmäßigen Puls
Begleitung von Sterbeprozessen, Todesangst
Angst vor dem Tod


Soweit ein kurzer Überblick über das  klassische Arzneimmittelbild bzw. einige häufige Erkennungszeichen der Krankheitsbilder, die mit Arsenicum Album homöopathisch behandelt werden können.

Und jetzt wenden wir uns dem Versuch zu, Arsen sozusagen synthetisch zu verstehen.


Dazu möchte ich ein Mandela malen:

Das Mandela besteht aus drei Kreisen, und die drei Kreise sind durch eine Vielzahl von Achsen verbunden.
Die Kreise symbolisieren Krankheitsymptome, Heilungsprozess/Ressourcen/Qalitäten und Gesundheit.
Die Achsen symbolisieren verschiedene Wege zur Heilung bzw. Gesundheit.

Der Innenkreis symbolisiert den natürlichen körperlich und seelisch gesunden Zustand des Menschen oder auch unser Wesen : Dieser Zustand ist  von Kern- Qualitäten geprägt, die bei allen Menschen die gleichen sind: Kraft, Wohlbefinden, Freundlichkeit, Kommunikationsfähigkeit, Selbstachtung und Achtung vor den anderen, innere Freiheit, Liebe, innerer Friede.
Der mittlere Kreis symbolisiert den Heilungsprozess und heilsame Qualitäten und Ressourcen, die sich bei der Entwicklung hin zur Mitte langsam entfalten.
Und der äußere Kreis  symbolisiert die Probleme und die Krankheiten.

Die Achsen symbolisieren verschiedene homöopathische Arzneien, gleichsam Wege zur Mitte.

Beispiele für Achsen:
*Carcinosin - Krebs- Die Fähigkeit, sich und seine Bedürfnisse zu spüren- die Fähigkeit, das Gute für sich und die anderen zu harmonisieren- Glücklichsein
*Phosphor- Erschöpfung oder ADS-  Energie oder Sich konzentrieren können- Einheitserleben
* Natrium muriaticum - An einer alten Beziehung unglücklich festhängen- für Neues offen sein- Präsent sein
 Lycopodium - Chronische Blähungen, Gefühle unterdrücken  - Achtsamkeit im Essen, Gefühle verstehen- natürliche Autorität sein

Und wie ist das bei Arsen: Was könnten wir da in das Feld 2 und 3 hineinschreiben?

Wenn man sich alle Symptome im Arsenicum - Album- Arzneimittelbild so ansieht - gibt es da so eine Art roten Faden,  durch den man das Bild als Ganzes oder auch den Patienten in seiner Ganzheit ein wenig verstehen kann?

Vgl. dazu die Musik von Per Gynt:  Aases Tod

Ist dieser rote Faden vielleicht die unterschwellig das ganze Leben beherrschende Angst vor dem Tod?
Oder zumindest die Angst vor einem nahen Verwandten des Todes, die Angst vor dem Chaos?
Oder anders ausgedrückt: Das Leben retten und  sich vor dem Untergang bewahren dadurch, dass man Ordnung schafft?


Jedenfalls finden die Homöopathen bei ihren Arsen-Patienten seit 200 Jahren immer wieder die ausgeprägte Gabe Gabe, Ordnungen zu finden oder herzustellen.
Wenn man es mal positiv und resourcenorientiert ausdrückt:
Der Arsen-Patient ist immer dabei, Ordnung zu schaffen, und wenn es ihn gut geht, hat er dazu eine ausgesprochene Fähigkeit.


Bei Arsen-Patienten beobachte ich eine  zum Beispiel eine große Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen und neue Ordnungen und Systeme zu finden, insbesondere auch durch neue Ordnungen Dinge zu verbinden, die bislang unverbunden waren.
In genialer Ausprägung haben das Menschen wie Bönnighausen  James Tylor Kent  getan. Bönnighausen verband die neuen Ideen Hahnemanns mit dem neuen  empirischen und exakt naturwissenschaftlichen Denken des 19. Jahrhunderts und schuf so eine Homöopathie, die einfach praktikabel und lehrbar wurde. Kent verband Psychologie, Spiritualität und Homöopathie miteinander.

Inn neuerer Zeit  denke ich, wenn ich nach arsenischen Qualitäten Ausschau halte, an Jon Kabbat Zinn, der wissenschaftliches Denken und Buddhismus, Spiritualität und Medizin  in neuer Weise verbindet,  oder an Bert Hellinger, der schamanistische Praktiken aus Afrika mit humanistischer Psychologie und christliches Weltbild zu einer Synthese bringt.

Oder ich denke Willigis Jäger , der Zen und Christentum verbindet, oder , Hammeed Almaas, der  mit seinem Diamond Approach eine neue Synthese aus wissenschaftlicher Psychologie und  der Weisheit verschiedener  spirituellen Traditionen geschaffen hat.
Alles - Menschen, an denen ich deutlich viele der guten Eigenschaften sehe, die ich von Arsen-Patienten kenne.

Soviel zur Fähigkeit, neue Ordnungen zu schaffen.

Aber gibt es beim Heilungsprozess von Arsen noch etwas anderes, das neben seiner  Auseinandersetzung mit dem Tod und seinem Bedürfnis, aus Chaos Ordnung zu schaffen steht, ganz wesentlich ist?

Meine These ist: Der wichtigste Vorgang im Arsen-Heilungsprozess - aus dem wir auch die Angst vor dem Tod und dem Chaos  bei noch tiefer verstehen können - ist
die Auseinandersetzung mit einer inneren Instanz in der Seele:


Mit dem inneren Richter.
Die heilende Qualität oder der Prozess, dem wir uns jetzt zuwenden, ist die Befreiung vom inneren Richter.

Oder sagen wie es etwas bescheidener und nüchterner:  Die Begegnung mit dem inneren Richter, denn es braucht in meiner Erfahrung  lange Zeit und immer wieder erst die Begegnung mit dem inneren Richter, bevor so etwas wie Befreiung vom inneren Richter möglich ist.

Wer ist das, der innere Richter?
Schließen sie doch bitte mal die Augen und fragen sie sich:
Kennen sie in sich eine innere Stimme, die in einer unangemessen aggressiven Weise alles bewertet, was sie erleben?

Kennen sie  eine innere Stimme, die in keinster Weise hilfreich oder verständig, sondern massiv destruktiv ist?

Eine Stimme, die es geradezu liebt, zu nörgeln, zu meckern, zu kritisieren - an den anderen, an den Umständen, an der Zeit, an der Gesellschaft - vor allem aber an ihnen selbst?
Eine Stimme, die in bestimmten Situationen ihnen innerhalb von Sekunden das Gefühl geben kann, sie seien nichts wert, nicht gut genug, hätten wieder mal versagt, sie hätten wieder mal alles falsch gemacht und würden es sowieso nie richtig machen?

Neue Strömungen in der humanistischen Psychologie ordnen solche inneren Stimmen einer Instanz in der Psyche zu, den sie "der Innere Richter "nennen.

Sie erkennen den inneren Richter daran, dass sie sich falsch, abgewertet und schuldig fühlen, wenn sie ihn hören, ja manchmal sogar ohne dass sie ihn überhaupt hören, nur durch seine Gegenwart.


Spüren sie doch bitte mal in ihrem Körper nach, was passiert, wenn ich solche Sätze sage? Wir fühlen sie sich, wenn ich sage:

Schon wieder hast du einen Fehler gemacht !
Alle anderen sind besser als du!
Du bringst es einfach nicht hin !
Du bist zu blöd dazu !
Das wird sowieso wieder schief gehen
Niemand wird dir helfen.
Alle werden sie gegen dich sein
Du hast keine Chance !
Du bist unmöglich.
Du bist viel schlechter als alle anderen



Woher kommt die Stimme, die so zu uns spricht?

Im Film "Sophie Scholl" wird in der Gerichtsverhandlung gegen die Geschwister Scholl der Richter von einem Schauspieler gespielt, der es meisterhaft versteht, die absolute Negativität zu verkörpern, die ein Richter haben kann, der in keinster Weise auf die tatsächliche Situation eingeht, sondern von vorgefassten Meinungen und Vorurteilen her verurteilt.

Im Film "Oliver Twist" gibt es eine Szene, in der das halbverhungerste Waisenkind im Waisenhaus um etwas mehr Essen bittet- der gütige Herr, der das Haus leitet, und die gütigen alten Frauen, die ihm helfen, werden auf der Stelle zu Teufeln und schlagen in blinder Wut auf den Armen ein. Wie konnte er es wagen, so etwas zu fragen?

Im Film " Der Glöckner von Notre Dame" wir der Bucklige ( Charles Laughton) von einem Richter verurteilt, der völlig uninteressiert am tatsächlichen Sachverhalt sein Urteil aus Gewohnheit und aus verletzten Emotionen heraus fällt.

Wer ist dieser Richter in der menschlichen Seele?

Dazu ein Zitat von Hameed Almaas:
Die Tiefenpsychologie hat uns gezeigt, dass wir einen Teil unserer selbst stets dahin entwickeln, die Rolle des inneren Gewissens- traditionell des Über-Ich- zu übernehmen. Doch diese Ich-Struktur, dieses Gewissen, fusst hauptsächlich auf der Identifikation mit dem urteilenden, kritischen, anklagenden und strafenden Umfeld, im dem wir aufwachsen. Es wird zu einem harten Richter und einer grausamen Strafinstanz, anstatt das Licht des wahren Bewusstseins zu verkörpern. Gewöhnlich entwickelt es ich zu einem rigiden Anteil unsres Verstandes, der unflexible Befehle und Regeln verkörpert und der Realität gegenüber taub ist.
Das Über-Ich wird zu einer der Hauptquellen inneren Leidens durch niedrigen Selbstwert, Schuld, Scham, Entwertung und Selbstvorwürfen.
Neben dem alles durchdringenden inneren Leiden, welches er in unserem Erleben verursacht, erschweren  die Starrheit und Urteile des inneren Kritikers den tiefern inneren Kontakt zu uns selbst.

Ein Filmbeispiel einer Welt, die zutiefst geprägt ist von der Herrschaft des inneren Richters zeigt sich im Film " Der Name der Rose"

Das strenge Über-Ich, der innere Richter oder der innere Kritiker- alles synonyme Begriffe- werden in der tiefenpsychologisch-spirituellen Schule von Almaas nicht als Problem einiger weniger neurotisch Kranker gesehen, sondern als ein Phänomen, mit dem jeder Mensch zu kämpfen hat, und das im kollektiven Unbewussten gerade unserer Kultur zutiefst verwurzelt ist.

Haben sie sich schon einmal Gedanken gemacht, wie es kommt, dass in vielen mittelalterlichen Kirchen, zum Beispiel auch im Breisacher Münster, in riesigen Gemälden  so oft und gern das jüngste Gericht dargestellt wird?
Haben Sie beobachtet, wieviele Menschen, ob religiös oder nicht,  auch heute noch Angst vor einer ewigen Verdammnis haben?
Wir kommen wir als Kultur dazu, uns kollektiv vorzustellen, am Ende der Zeit warte ein jüngstes Gericht auf uns?
Hier zeigt sich für mich, wie massiv die Vorstellungen von einem strengen inneren Richter, der uns verurteilt, in der menschlichen Seele verwurzelt sind und ins kollektive abendländische Denken eingegangen sind.

Die Künstler scheinen geradezu eine Lust gehabt zu haben, all die Teufel zu zeichnen, die die armen Seelen ergreifen, wenn sie verurteilt werden, in der ewigen Hölle  zu schmoren.
Aus meiner Sicht sind diese Kunstwerke Versuche der Auseinandersetzung mit dem Phänomen des inneren Richters.
Es ist der innere Richter, der solche Bilder und Gefühle enstehen lässt - da wird etwas als Gemälde nach außen sichtbar gemacht, was als inneres Geschehen in der Seele ständig abläuft.
Hier ist  es sogar ausgerechnet Christus selbst, der als Weltenrichter am jüngsten Tag kommt , die Guten von den Schlechten unterscheidet -  und damit die Bösen  zur Holles schickt..
Was man von jüngster Kindheit an erfahren hat- dass die liebende Mutter und der liebende Vater zum streng verurteilenden Richter wurden - das wird hier auch auf den  abendländischen Inbegriff der Liebe, Jesus Christus, projiziert:
Der liebende Gottessohn wird hier zum strengen Richter, der die Hälfte der Menscheit zur ewigen Verdammnis verurteilt.
Stellen sie sich  mal dieses Szenarium  des das jüngsten Gerichs vor . Und überprüfen sie, inwieweit sie vielleicht  insgeheim selbst  auch immer noch die Angst in sich spüren, eines Tages zur Hölle fahren zu müssen...

Hören sie dazu mal  Verdis: Dies Irae aus der Missa a Requiem, Stück
2 und 3 bis zur Stille


Wer ist dieser innere Richter, mit dem sich Verdi oder die Künstler, die die Gemälde vom Jüngsten Gericht malten, so intensiv auseinandergesetzt haben und der sich in so verzerrten religiösen Vorstellungen ausdrückt, dass selbst Gott, der die Liebe ist, Ca die Hälfte seiner Kinder oder vielleicht sogar noch viel mehr -  manche glauben alle bis auf die auserwälten 144 000-  in die Hölle schicken wird?

Im Buch die Befreiung vom inneren Richter von Byron Brown wird der innere Richter so definiert:
Der Richter ist diejenige Kraft in ihnen, die ihren Wert als menschliches Wesen unablässig berechnet, abschätzt, und damit ihre Fähigkeit einschränkt, im gegenwärtigen Moment voll und ganz lebendig zu sein.
Er hat sich in jedem Menschen im Laufe der Entwicklung ausprägt .  Er bleibt meist unbewusst oder weitgehend unbewusst und behindert massiv die Fähigkeit, im Augenblick angemessen auf das Leben einzugehen. Er kann enorm destruktiv sein, insbesondere dann, wenn sie unbewusst bleibt.
Ihn zu erkennen und sich in einer langen inneren Arbeit von ihr zu befreien, wird als notwendiger Schritt auf jedem spirituellen Leben angesehen, das auf Freiheit ausgerichet ist.


Das Konzept des inneren Richters geht zurück auf Sigmund Freuds Struktur-Modell. In diesem Modell unterscheidet Freud zwischen drei Instanzen, dem Es, dem Ich und dem Über-Ich.

Dabei entspricht das Es all unsere Triebe, Verlangen nach Vergnügen, Wünsche und Lust. Es ist der älteste Teil unseres Geistes, der animalische Teil, der durch den Instinkt angetrieben wird, unsere primären, ursprünglichen Bedürfnisse zu erfüllen.
Das Ich hat die Aufgabe, diese Triebe des Es zu kontrollieren, diese Triebe gegenüber der Realität abzuwägen und sowohl für eine Überprüfung einer gesunden Balance zwischen innerer und äußerer Realität zu sorgen, als auch zwischen den Bedürfnissen des Es und den Forderungen und Maßstäben des Über-Ichs zu vermitteln. I
In seinem Buch "Das Ich und das Es" (2003) liefert uns Freud eine schöne Metapher über die Beziehung zwischen Es und Ich:
Das Es ist wie ein Pferd, das sehr stark und kraftvoll ist und oft seine ganz eigenen Wünsche zu Bedürfnisse hat. Das Ich ist wie der Reiter, der bemüht ist, die überlegene Kraft des Pferdes in Zaum zu halten.
Das Ich ist auch die Instanz, die unsere bewusste Erfahrung  macht und unser Denken formt darüber, wer und was wir sind.

Was aber ist das Über-Ich?
Das Über-Ich ist eine Art moralische Instanz in uns.
Wir können sie uns vorstellen als die verinnerlichten Eltern und anderer Autoritätsfiguren. Es bildet eine Art Gewissen, aber es ist nicht das natürliche, echte Gewissen, das mit der Seele in Kontakt ist, mit Gott oder dem Universum. Es ist ein falsches Gewissen, das aus übernommenen Wertmaßstäben der Vergangenheit stammt und  das in Wirklichkeit einen sehr destruktiven Einfluss auf uns haben kann.

Das Über-Ich besteht aus all unseren moralischen Normen, all unseren Glaubensmustern, geistigen Haltungen, Urteilen, Idealen, Vorurteilen sowie emotionalen Neigungen, die wir von unseren Eltern und anderen nahen Bezugspersonen von Kindheit an übernommen haben.

Für Freud war es ein wertvoller und notwendiger Teil, dessen Aufgabe es ist, sicherzustellen, dass die Menschen sich moralisch und verantwortungsvoll benehmen. Das Über-Ich erreicht dies dadurch, indem es das Es kontrolliert, das sonst – so die Vorstellung Freuds – seine unakzeptablen Triebe skrupellos ausagieren würde.

In der neuen humanistischen Psychologie wird das Über-Ich weniger als ein wertvoller Teil gesehen, sondern als etwas, das transformiert werden muss, damit man der Gegenwart wirklich gerecht werden kann.


Bei vielen Autoren und in der Sprache Byron Browns wird dieses Über-Ich innerer Richter genannt.
Der innere Richter macht sich in unterschiedlichen Formen bemerkbar.
Die verbreitetsten sind innere Stimmen (Gedanken), die unsere Gedanken und unser Verhalten kommentieren und verunglimpfen.
Manchmal wird er nicht als innere Stimme wahrgenommen, sondern als negatives Gefühl wie zum Beispiel Schuldgefühle, Kummer, oder Wut und Ärger.
Wir hören gar keine innere Stimme, die uns Negatives sagt, und sind uns gar keiner negativen Gedanken bewusst, und doch wirkt etwas auf uns, das unsere Stimmung total herunterzieht
Dies  ist vielleicht dadurch erklärbar , dass der innere Richter schon  in einem Entwicklungsstadium entstanden ist, als wir noch nicht sprechen konnten.

Wir haben vielleicht Eltern oder andere Autoriäten  gegenüber uns auf eine Weise verhalten, die ihnen heftig missfallen hat, sie haben das  uns gegenüber, da wir noch nicht sprechen konnten,  nur auf nonverbale Weise ausgedrückt: Sie haben uns also ohne Worte, sondern vielleicht einfach durch böse Blicke oder eine strenge Stimme oder Stirnrunzeln ausgedrückt, das wir nicht richtig waren.

In der Almaas-Schule wird der oft unbewusste  Angriff der inneren Richters als
Über-Ich Attacke bezeichnet. Die kann oft nur dadurch  wahrgenommen werden, dass wir uns schlecht fühlen, ohne, dass wir uns  der zugrunde liegenden verbalen oder gedanklichen  Einstellung , die uns da angreift, bewusst geworden sind.
Dieser Angriff erfolgt meistens in Sekundenbruchteilen vor dem schlechten Gefühl.

Es gibt dann einen noch schwieriger zu erkennenden Teil des inneren Richters
Manchmal  kann dies die gemeinste Variante des Richters sein, weil er sich dabei versteckt und verkleidet als wäre er unser guter Freund und intelligenter und weiser Helfer oder gutmeinender Ratgeber. Er kann die Stimme sein, die uns immer nur lobt und Komplimente verteilt und uns bestätigt, dass wir die Dinge genau richtig gemacht haben -
 die dann aber umso verbissener auf uns einschlägt, wenn wir es  einmal nicht  genauso machen, wir sie meint, dass wir es machen sollten.

Die Wirkung des inneren Richters ist vor allem abgrundtiefes Schuldgefühl und Angst. Bei vielen Angstpatienten ist der grösste Teil der  Angst nicht die Furcht vor etwas Äußerem, das man fassen könnte, sondern die oft unheimlich ungreifbare Angst vor dem eigenen Über-Ich.
Und aus dieser Angst entstehen in uns zwanghafte Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster, und aus dem Versuch, die Angst zu unterdrücken, wiederum Depressionen.


Eine Ausdrucksform des inneren Richters ist das Vergleichen.
Oft, wenn wir uns mit anderen Vergleichen, ist der innere Richter aktiv: „Er macht das besser als ich“ oder „Ich kann das besser als er“ und so weiter. Solche Vergleiche schließen oft schon ein, dass wir nicht gut genug sind oder sein könnten, nicht wert genug, richtig genug und so fort.


Üblicherweise sind wir vollkommen mit dem inneren Richter identifiziert, sodass wir gar nicht bemerken, dass es sich in Wirklichkeit um die verinnerlichte Stimme eines unserer Elternteile oder einer sonstigen bedeutsamen Person in unserem Leben handelt.



Soweit eine kurze Beschreibung des Phänomens innerer Richter. Wer sich damit mehr auseinandersetzen möchte, dem kann ich das Buch von Byron Brown: Die Befreiung vom inneren Richter empfehlen .

Doch nun zur Frage:

Kann Arsen in der Auseinandersetzung mit dem inneren Richter unterstützen?
Niemand wird so naiv sein zu glauben, dass eine homöopathische Arznei den inneren Richter beseitigen wird.
Aber meine Erfahrung ist, dass Arsen wesentlich helfen kann, sich des inneren Richters bewusst zu werden und damit eine langsame Verwandlung einzuleiten.

Fallbeispiel:

*Eine Patientin kommt zu mir, die unter schwerster Dysmenorrhoe leidet, und dies schon seit 10 Jahren. Sie berichtet von einem scharfen Stechen bei der Regel, das vom Darm auszugehen scheint, und das zum After und zur Scheide zieht.  In der Gegend des rechten Eierstocks hat sie manchmal brennende Schmerzen.
Sie ist wissenschaftlich tätig und hat sehr hohe Ansprüche an sich. In der  Arbeit muss alles absolut korrekt ablaufen, Fehler dürfen nicht passieren. Das Privatleben kommt zu kurz, außer Arbeit gibt es nicht viel in ihrem Leben. Ich nehme wahr, dass sie sehr hart und streng mit sich umgeht.
Ich gebe ihr Arsenicum Album in aufsteigenden Reihen. Nach einigen Monaten ist die Dysmenorrhoe völlig verschwunden, und ist nehme wahr, dass sie weicher mit sich geworden ist und sich ab und zu etwas Schönes gönnt.

*Ein  Patient kommt zu mir mit recht schweren Depressionen und dem Gefühl, dass er seiner Arbeit nicht mehr gewachsen ist. Aus dem Gespräch entnehme ich, dass er sehr hohe Ansprüche an sich stellt und es kaum verwinden kann, dass er viele Dinge nicht so geschickt wie seine Arbeitskollegen erledigen kann.
Er hat angstvolle Alpträume und Schlafstörungen, oft erwacht er in der Nacht und kann nicht mehr einschlafen. Seine Unruhe ist nachts manchmal so stark, dass er stundenlange Nachtwanderungen unternimmt, wobei er sich immer im beleuchteten Areal aufhält und schreckliche Angst bekommt, wenn er einmal in eine Polizeikontrolle gerät, obwohl er ja seinen Ausweis bei sich trägt und sich noch nie etwas hat zuschulden kommen lassen.
Er leidet unter immer wiederkehrenden Magenschmerzen und bekommt  nach dem Essen und nach kalten Getränken sehr schnell Durchfall, ebenso von Obst.
Ich gebe ihm Arsenicum Album in aufsteigenden Reihen. Schon nach wenigen Tagen berichtet er, dass er endlich wieder schlafen könne. In den nächsten Wochen beginnt er sich zunehmend zu entspannen. Er berichtet bei den nächsten Konsultationen, wie sich nach und nach seine Beziehung zu seiner Arbeit verändert, in dem  liebevoller und freundlicher mit sich umgeht, er immer mehr seine Schwächen und Stärken erkennt. Es gelingt ihm, seine Arbeit so umzuorganisieren, dass er er das ständige Gefühl des Ungenügens verliert und mehr und mehr Freude an seiner Arbeit findet.

*Ein Patient kommt zu mir, der durch seine außerordentliche Korrektheit in der Kleidung und in der Sprache auffällt. Er leidet vor allem unter einer sozialen Phobie - er kann nicht unter Leute gehen und lebt völlig einsam. Dabei ist er ein hochsensibler und intelligenter Mann, und wäre ich eine Frau, würde ich ihn auch als attraktiv bezeichnen.
Im Gespräch fällt mir vor allem auf, wie selbstkritisch er ist und wie hoch die Anforderungen sind, die er an sich stellt. Sein Vater war sehr streng, seine Mutter offenbar recht labil.
Er erhält Arsenicum Album in aufsteigenden Potenzen. Daraufhin geschieht etwas Seltsames: Er entwickelt an den Armen einen Hautauschlag mit Krusten, die fast 2 cm dick werden.
Er hat solche Hautausschläge nie zuvor gehabt, nur als Kind habe er etwas mit der Haut gehabt, aber das wisse er nicht mehr.
Ich ermutige ihn, nicht zum Hautarzt zugehen, sondern weiter die Wirkung von Arsen zu beobachten. Die Hautausschläge verschwinden in den nächsten   Wochen. Nach einigen Monaten berichtet er, dass er eine wundervolle Partnerin gefunden habe und mit ihr glücklich sei.
*Der Richter mit der Spätzosterneuralgie.

Diese Beispiele, nur kurz angedeutet, haben eines gemeinsam: Der strenge innere Richter in den Patienten beginnt sich langsam zu verwandeln:

Und in was verwandelt er sich?


Das Wesentliche im Prozess der Befreiung vom inneren Richter beschreibt Byron Brown so:
Die zentrale Praxis dieses Prozesses besteht darin, zu ihrem Erleben ihrer selbst in diesem jeweiligen Augenblick zurückzukehren..

Dafür sind gerade beim Arsen-Patienten unter anderem Körperübungen wie Yoga,Tai-Chi oder auch einfach Fitnessstudios sehr hilfreich, wobei im Fitnessstudio die Gefahr besteht, dass der Arseniker auch dort wieder zu viel Leistung von sich verlangt und sich dort einen Schaden durch Überanstrengung zuzieht..

Und alle spirituellen Wege versuchen das ja: Zur Gegenwart zurückzuführen.
Wenn allerdings Arsen-Patienten auf einen spirituellen Weg gehen, dann neigen sie  oft dazu, sich strengen Lehrern anzuschließen oder sehr hart Disziplinen wie Zen oder Kampfsport zu üben, ohne zu spüren, wenn es ihnen nicht gut tut.
Sie profitieren sehr davon, wenn sie  sich Lehrern zuwenden, die viel Mitgefühl und Freundlichkeit entwickelt haben, und wenn sie solche Übungen praktizieren, die ihnen unmittelbar gut tun.

Alles das tut gut, was wirklich in die Gegenwart zurückführt.
Im ganz in diesem Augenblick anwesend sein - hört das Werten und Urteilen auf: Wir können nicht nicht wirklich präsent sein und gleichhzeitig werten, weil alles Werten ein Bezugnehmen auf die Vergangenheit ist.

Freundliche Aufmerksamkeit auf den Augenblick löst also den inneren Richter  nach und nach auf bzw . verwandelt ihn in eine Kraft, die dafür sorgt, dass  mehr und mehr Gegenwärtigkeit  aufgebaut und aufrechterhalten werden kann.
Der Richter wandelt sich in die Fähigkeit, in der Gegenwart zu sein, zu sehen, was ist, und mitfühlend zu sein. Oder, wie es Byron Brown beschreibt:
Wo Erwartungen und Normen das Regiment geführt haben, können jetzt Offenheit und Gewährenlassen ihren Einzug halten.


Was wird aus dem Richter, wenn er sich in Gegenwärtigkeit verwandelt?
Welchen Job bekommt er dann?
Unterscheidungsvermögen
Unterscheiden zu können ist etwas anderes als bewerten und urteilen.
Im Bewerten nehmen wir eine zustimmende  oder ablehnende Haltung ein.
Im Unterscheiden sehen wir die Dinge einfach an, wie sie wirklich sind.

Die Unterscheidung, die im Zusammenhang mit dem inneren Richter besonders relevant ist, ist die Unterscheidung zwischen einem Seelenzustand, der von Aggressivität und Kritik sich selbst gegenüber geprägt ist - und einem Zustand der Selbstakzeptanz, der Weite, Lebendigkeit, Geborgenheit.
Fühlt sich unsere Seele wie ein Polizeistaat an - oder wie ein Land, in dem sich alle Bewohner wohlwollend und freundlich unterstützen?

Wenn wir diese Seelenzustände mit einem bestimmten Grad an Bewusstheit klar sehen lernen, wird die Seele von selbst immer mehr das loslassen, was ihr nicht gut tut, und sich dem zuwenden, was sie nährt.



Die Befreiung vom inneren Richter ist allerdings nicht etwas, was einfach so mal durch ein homöopathisches Mittel oder das Hören eines Vortrages oder Lesen eines Buches geschehen kann.
Es ist ein langer Prozess, der Übungspraxis braucht und die Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Byron Brown  meint sogar, dass dieser Prozess der Loslösung aus der Selbstverurteilung ein lebenslanger ist. Er schreibt dazu:

Die schlichte Einsicht, wie hart und intolerant man mit sich selbst umgehen kann, ist schon extrem unbequem. Doch diesen Teil seiner selbst bloss zu stellen und zu erforschen bedeutet auch, die Grundannahmen über die eigenen Kindheitsentwicklung und -Erziehung sowie über die Gesellschaft, in der man lebt, infrage zu stellen. Das kann bedeuten, Prioritäten zu setzen, die zu denen der Familie, Freunde und Kollegen im Gegensatz stehen-und das ist alleine kaum zu schaffen.

Die vorhin erwähnten bekannten Persönlichkeiten haben deshalb für sich Formen der Praxis entwickelt, in denen sie gemeinsam mit anderen Menschen ständig Unterscheidungsvermögen, Gegenwärtigkeit  und Mitgefühl üben konnten:
Klemens Bönninghausen und James Tylor  Kent das genaue Beobachten in der Homöopathie, Bert Hellinger die Aufstellungsarbeit, Jon Kabbat Zinn das MBSR-Achtsamkeitstraining, Willigis Jäger die kontemplative Mediation, Hameed Almaas die Selbsterforschung.

Diese Techniken können alle helfen, dass die Begegnung mit dem inneren Richter und schließlich vielleicht sogar die Befreiung vom inneren Richter gelingt.

Byron Brown schreibt in seinem Buch:
"Die innere Entwicklung verlangt, dass es mit der Zeit keine inneren Instanzen mehr gibt, die Gewalt ausüben.
Statt dessen reift eine innere Regulierung, die auf objektiver Wahrnehmung, Verstehen und Liebe basiert."


Wir sprachen vorhin von kollektiven Bildern des inneren Richters und hörten Musik, die sich mit dem inneren Richter auseinandergesetzt hat.
Das Lebensgefühl, das entsteht, wenn der innere Richter, der ständig Angst macht, verwandelt ist und innere Sicherheit und Geborgenheit sich ausgebreitet hat, ist ebenso in kollektiven Bildern und Kunstwerken ausgedrückt worden. Ein Musikstück dazu begegnete mir kürzlich in der Kirche von St. Ulrich, nachdem ich zuvor bei einem Spaziergang  über Arsen und die Verwandlung des inneren Richtes kontempliert hatte. Es ist komponiert von


Felix Mendelssohn- Bartholdy  und heißt:  Denn er hat seinen Engel befohlen....